Jul 142014
 

Aus aktuellen Anlass – Wir sind Weltmeister! *freuhüpf*
Diese Geschichte habe ich für die  Anthologie ‚Kopfbälle‘ geschrieben, die im Jahr 2006, mit Unterstützung vom Land RLP, herausgekommen ist. Dort sind Geschichten erschienen, die von den drei Literaturvereinen/-gruppen der unteren, mittleren und oberen Nahe zum Thema Fußball geschrieben und ausgewählt wurden.

Sieg der Besiegten

Sagt Ihnen der 22. Juni 1974 etwas?
Ich gebe zu, mir sagte er nichts, dabei war es ein denkwürdiges Datum.
Ein Tag, von dem man später noch seinen Enkeln erzählen würde.

Nun, ich war neun, aber an das Spiel erinnere ich mich. Denn ein Spiel fand statt, aber nicht irgendein Spiel, sondern DAS Spiel der Fußballweltmeisterschaft. Es ging noch nicht um den Titel, aber es ging ums Prestige, um den Gruppensieg.
Ich interessierte mich bis dahin nicht für Fußball. Dieser Tag sollte das aber ändern.

Die Fußballweltmeisterschaft hatte neun Tage vorher begonnen.
Sie fand in der BRD statt, drüben, im Land jenseits der Grenze. Eine Weltmeisterschaft, die viele Überraschungen und Wendungen brachte und die am Ende eine deutsche Mannschaft als Weltmeister sah.

Leider nicht unsere deutsche Mannschaft, denn ich wuchs in der DDR auf.
Unsere Mannschaft hatte sich zum ersten – und letzten – Mal qualifiziert und jeder fieberte dem deutsch-deutschen Spiel entgegen.
Der 22. Juni war schön. Blauer Himmel und warmes Wetter. Genau richtig, um bis zum Abend draußen zu spielen.
Ich war mit meiner Freundin im Garten, aber plötzlich wurde es laut und Leute riefen. In jedem Haus wurde das Rufen lauter. Wir rannten auf die Straße und hörten die Rufe, das Fluchen und dann wieder die Rufe:
„Los! Jaaaaaaaaaa! Schieß! TOOOOOOOOOOOOOR!!!!“.
Ich lief nach Hause und erfuhr:
WIR hatten ein Tor geschossen! Jetzt wartete jeder nur noch gespannt auf den Schlußpfiff. Und als der endlich alle erlöste, stand fest:
Wir hatten die andere deutsche Mannschaft geschlagen!
Ein Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus!

Unsere Mannschaft war Gruppensieger. Nach dem Sieg über Australien mit 2:0 und dem Unentschieden gegen Chile 1:1, jetzt der Sieg über die BRD mit 1:0. Den Torschützen kannte von da an jeder bei uns:
Jürgen Sparwasser. Er selbst soll Jahre später gesagt haben:
„Wenn man auf meinen Grabstein eines Tages nur ,Hamburg 74′ schreibt, weiß jeder, wer darunter liegt.“
Und es stimmt, noch heute kennt den Namen jedes Kind, zumindest in den ostdeutschen Familien.

Der Sieg damals war so etwas, von dem man lange zehren konnte. Denn leider folgten diesem Sieg keine weiteren.
Wir verloren am 26. Juni 1974 in Hannover gegen Brasilien 1:0 und am 30. Juni 1974 in Gelsenkirchen gegen die Niederlande mit 2:0. Ein Unentschieden gegen Argentinien am 3. Juli 1974 in München besiegelte unser Los.
1:1 hieß das Ergebnis. Dadurch waren unsere Jungs wenigstens nicht letzte in unserer Gruppe der Zwischenrunde, aber sie mußten nach Hause fahren. Für uns war das Turnier zu Ende.

Die Mannschaft der BRD aber hatte alle Gruppenspiele der Zwischenrunde gewonnen und war somit Gruppenerste. Sie stand im Finale gegen die Niederlande. Jetzt galt es Daumendrücken für diese Mannschaft. Wir sind doch alle Deutsche! Egal wer gewann, Hauptsache es sind die Deutschen.

Am 7. Juli 1974 wurde um 16:00 Uhr in München das alles entscheidende Spiel angepfiffen.
Am Tag des Finales sah man nur leere Straßen. Keiner wollte sich das Spiel entgehen lassen, überall waren die Fenster offen. Man hörte die Fernsehübertragung aus jedem Wohnzimmer. Ich saß, wie alle aus meiner Familie, gebannt vorm Fernseher.

Nach kurzer Zeit, ein Aufschrei aus allen Wohnzimmern. Der Kommentator bestätigte was jeder gesehen hatte:
Der deutsche Spieler Berti Vogts foulte Johan Cruyff, den holländischen Superstar. Erst kurze Zeit später stellte sich heraus, daß Berti Vogts keine Schuld traf, sondern Uli Hoeneß hatte seinen Gegenspieler rüde von den Beinen geholt.
An dem Ergebnis, einem Elfmeter, änderte das allerdings nichts. Also stand es nach nur zwei gespielten Minuten 1:0 für die Niederlande. Und die Deutschen hatten den Ball noch nicht einmal berührt!

Der frühe Torerfolg bekam den Holländern nicht gut. Sie lehnten sich zurück, ließen die Deutschen mehr und mehr ihr Spiel finden und auch spielen. Nach einem Foul an Hölzenbein gibt es für die Deutschen einen Elfmeter. Paul Breitner verwandelt den Strafstoß in der 25. Minute zum 1:1.

Alles ist wieder offen. Jeder fiebert mit, will die Deutschen mit rufen und schreien zum Sieg treiben. In der 43. Minute kommt der ,Bomber der Nation‘ Gerd Müller vor dem holländischen Tor zum Schuß und es steht 2:1 für Deutschland.

Dieser knappe Vorsprung kann in die Pause gerettet werden.

Die zweite Halbzeit:
ein fast schon verzweifeltes Anrennen der Holländer auf das deutsche Tor – ungeheure Einsatzfreude und Durchsetzungsvermögen der deutschen Mannschaft.

Gutverteilte Chancen, die jedoch allesamt nicht zum Erfolg führen.

Beim Abpfiff des englischen Schiedsrichters John Taylor ist die BRD Weltmeister! Ganz Deutschland jubelt.
Egal wo, ob in der DDR oder der BRD, überall liegen sich die Menschen in den Armen und freuen sich über den Titel.

Die BRD ist Weltmeister! Die BRD ist Weltmeister?

Nein, eigentlich ist die DDR Weltmeister, denn unsere Mannschaft hat, als einzige in diesem Turnier, den späteren Weltmeister BRD geschlagen … aber wer wird schon so kleinlich sein? 😉

Liebe Grüße
cat

 Veröffentlicht von am 14. Juli 2014 um 17:53  Kennzeichnung:

  2 Antworten zu “Sieg der Besiegten”

  1. Liebste cat,

    eine ganz wunderbare Geschichte. Danke für diese schöne Erinnerung!!!

    Alles Liebe
    Manuela

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