
Manchmal, mitten in der Nacht, wenn ich noch auf bin und ein paar spontane Gedanken in den Computer tippe oder eine Geschichte unbedingt weiterführen muss, höre ich sie wispern. Hier, am Kornmarkt im Herzen der Stadt, sind wir vielerlei Geräusche gewohnt, und es fällt auf, wenn da etwas Ungewöhnliches tönt.
Es war so kurz nach Mitternacht, als es am Kornmarkt ganz still war, was sehr selten vorkommt, da hörte ich Geister flüstern. Aber sie waren nicht im Haus selbst, sondern die Stimmen kamen von draußen. Zuerst konnte ich nur einzelne Wortfetzen verstehen, später Wörter und als ich mich etwas eingehört hatte, sogar ganze Sätze. Natürlich ist es für mich als Zugezogene schwer alles zu verstehen, aber so ein bisschen was hab ich hier ja doch schon gelernt. Es ging um irgendeinen Brunnen, Brunnen? Ich ging in den Erker von wo aus ich ‚unseren' Brunnen am Kornmarkt, denn welcher sollte es sonst sein, direkt sehen konnte.
Die Originale auf dem Brunnen waren in Bewegung und unterhielten sich offensichtlich angeregt:
Es Brobecks Marri, die ganz zuoberst auf dem Brunnen steht, rief gerade zum Debbedee:
"Ei, du hosch doch de beschde Blick do in die Fußgängerzoon. Ei sah mo, was wor dann do loos?
Ei do die ganze Leud, wo kame die dann her?"
Sie drehte ihre Feierbloos so, dass sie als Hörrohr fungierte und der Debbedee rief ihr zu:
"Ei, du dumm Dier! Heit war doch Mandelsundaach!"
"Ei jo, das iss doch der Dach an dem all die Leit all ihr Mändel für de Winder kaawe, gell?
Awwä wenn isch die junge Dinger so rumlaawe siehn, hon die e Glick, dasse nett bei mir in
die Schuhl gang sinn, do hätts dodefier eens hinner die Oohre gebb!
Ei, was gebbs dann sunsch noch so Neies? Du do als ehemalischer Zeidungsverkeewer weesch
doch als alles aus äschter Hand."
"Ei, Marrie, seit du do nemmer midde Feierbloos unn dei Kazz dosch die Stadt laawe duhsch
um die Feierwehr zu alarmiere wenns wo brenne duhd, do hat sisch gahnz schee was geännert.
So paar Sache hosche jo noch selwsch mitkrieht.", antwortete der Debbedee, der seinen Namen
von einer Vereinsbegegnung mit den Franzosen her hatte, die ihn als Député begrüßten,
was er in seiner unnachahmlichen Art gleich ins Kreuznacher Platt übersetzte und seit
dem Debbedee hieß.
Als die Katze hörte, dass von ihr gesprochen wurde fing sie an zu maunzen, was den Hund auf der anderen Seite der Brunnenstehlen dazu veranlasste ein lautes Gebell anzustimmen. Dies wiederum erboste den Schutzmann Wiechert, der gleich darauf ein lautes Donnerwetter losließ. Hund und Katze legten sich still auf ihren Platz und meldeten sich nicht wieder zu Wort.
Doch dann hörte ich es Gänzje hinter seinem Leierkasten flüstern:
"Ei, isch duhns mer soo aarisch winsche, ach!"
"Ei mei Guutsder, was dann?", fragte de Gulasch nach, der sich, wie mir schien,
nach einem kräftig gewürzten, hausgemachten Gulasch sehnte und deshalb immer wieder
seinen Kopf nach hinten zum Ferkelchen wendete um wenigstens einen Blick darauf zu erhaschen.
"Ei, eemol nur wäddschen gähn siehn …"
"Ei, jezz saach scho, ei wen dann?", wurde de Gulasch schon langsam ungeduldig.
"Ei, eemol nur de Leierkaschde siehn, der do als Freidachs Middaag um Zwöllef do vorm
Schutzmann spiele duhd. Ei, ob der do aach nur midde Kobbel do stehn duhd, wenn der
Kaschde gabudd is? Unn do dran drehe do an de Kobbel werdsch aach mol gehre! Ei, des
sinn jo manschemol so hällisch scheene Liedä …"
"Ei Freindsche," meinte de Gulasch, "das iss doch kee Mussig! Wenn isch den kriehn dähd,
dann gäb's awä Gulasch!", wandelte er seinen Standardspruch ab mit dem er so manchem
Kreuznacher Schläge angeboten hatte.
Leider konnte ich mir an dieser Stelle das Lachen nicht mehr verkneifen und musste
laut los prusten. Ich sah wie der Schutzmann Wiechert nach oben schaute und mich am
Fenster erblickte. Seine Augen fixierten mich und plötzlich war da wieder seine sehr
laute, energische Stimme, die alle Anwesenden zum Stillschweigen verdonnerte.
Gerade noch rechtzeitig um die Glocken der nahen Turmuhr der Pauluskirche Ein Uhr
schlagen zu hören.