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Robert und Erika
Als Robert nach Hause kam, lag Feli an ihrem Platz auf dem Fensterbrett. Er konnte sie von draußen sehen. Als er aber die Tür öffnete und den ersten Schritt in seinen Hausflur machte, stand Feli vor ihm und schaute ihn an. Fast stolperte er über sie.
‚Mist!' dachte er ‚wenn sie mich so ansieht und sich vor mir auf den Boden wirft, bekomme ich doch beinahe ein schlechtes Gewissen weil ich sie tagsüber allein lasse.' Robert bückte sich und hob Feli auf seine Arme. Liebevoll streichelte er sie, bis die Katze zu schnurren anfing. Dann erst setzte er sie wieder auf den Boden, zog seinen Mantel aus und schloß die Tür zum Treppenhaus.

Erika seufzte hinter ihrer Tür und zog ihren Kopf zurück. Seit Wochen beobachtete sie das nun schon, und jeden Tag lief es gleich ab. Der Nachbar von gegenüber kam, öffnete seine Tür, schmuste mit seiner Katze bis diese sich auf seinen Armen räkelte, dann setze er das Tier auf den Boden und zog die Tür hinter sich ins Schloß.
Wie gerne wäre sie an Miezens Stelle! Oh, wie gerne würde sie sich in des Nachbars Arme werfen und wohlige Schauer bei seinem Streicheln und seinen Küssen empfinden. Aber, es sollte wohl nicht sein!

Leicht frustriert ging Erika in die Küche um sich einen Kaffee zu kochen. Sie war allein, so wie jeden Tag seit fünf Jahren. Genau vor fünf Jahren hatte ihr Freund sie verlassen, ausgerechnet an ihrem Geburtstag.
Er kam einfach zur Party, nahm sie bei Seite und sagte:
"Hör mal, es tut mir leid, dass du es heute erfährst, aber ich habe jemanden kennengelernt. Chantal ist einfach ein Traum, außerdem ist ihr Vater ein einflussreicher Mann, der mich in meiner jetzigen Position bestärken und fördern wird. Es hat nichts mit dir zu tun, aber ich muss halt sehen, wie ich vorwärts komme! Viel Glück!" Kurze Zeit später war er auch schon gegangen, noch bevor Erika eine passende Erwiderung einfiel.

Sie hatte sich danach sehr zurück gezogen, traf keine Freunde mehr und irgendwann war sie einfach in eine andere Stadt gegangen und wollte einen Neuanfang wagen.
Seit dem wohnte sie hier in diesem Hochhauskomplex. Außer ihren Arbeitskollegen kannte sie niemanden und deshalb interessierte sie sich ab und zu dafür, was die Leute hier im Haus so trieben. Vor drei Wochen war dann dieser ausgesprochen nette Mann gegenüber eingezogen und seit dem faszinierte es Erika wie er mit seiner Katze umging. Sie beobachtete ihn heimlich jeden Tag, wusste wann er das Haus verließ und wann er zurück kam. Sehnsuchtsvoll schaute sie ihm jedesmal hinterher, aber bisher hatte sie sich nicht getraut ihn anzusprechen. Ein Klingeln an der Tür schreckte sie aus ihren Gedanken. Wer mochte das sein? Sie schaute durch ihren Spion und erschrak! ER stand vor der Tür.

Vorsichtig und behutsam öffnete sie die Tür einen Spalt und steckte ihren Kopf hindurch. "Ja, bitte?", fragte sie.
"Hallo, mein Name ist Robert und ich wohne in der Wohnung gegenüber. Ich habe heute Geburtstag und wollte Sie fragen, ob Sie nicht auf einen Kaffee herüber kommen wollen, damit wir uns kennenlernen?"
"Oh!", mehr konnte sie nicht sagen.
"Wissen Sie, ich mag heute einfach nicht allein sein. Aber wenn Sie schon etwas vor haben, verstehe ich natürlich ..."
"Nein, nein, das ist es nicht.", beeilte Erika sich zu erwidern, "ich bin nur überrascht. Ich habe nämlich heute auch Geburtstag und ... ich ... ähhh ...", fing sie an zu stottern. "Hey, das ist doch toll, kommen Sie, wir feiern gemeinsam! Oder... erwarten Sie Gäste?" Als Erika verneinte zog Robert sie behutsam aus der Tür. Sie konnte gerade noch ihren Schlüssel erhaschen, die Tür in Schloß ziehen und schon stand sie bei Robert im Flur. Robert schob sie in Richtung Wohnzimmer. Seine Wohnung war genau so groß wie ihre, allerdings waren alle Räume spiegelverkehrt angeordnet. Irgendwie belustigte sie das. Roberts Katze erhob sich hoheitsvoll von ihrem Lieblingsplatz auf dem Sofa und schaute den Neuankömmling abschätzend an.

Erika ging in die Hocke und als Feli näher schlich, berührten Erikas Fingerspitzen das seidige Fell. Sie hob Feli einfach hoch und setzte sich mit ihr aufs Sofa.

Robert kam aus der Küche und hatte ein Tablett in der Hand, auf dem sich Kaffee, Tassen, Teller und Kuchen türmten.
"Oh, ihr habt euch schon bekannt gemacht." lächelte er. "Feli lebt seit drei Jahren mit mir allein, seit meine Freundin mich damals verließ. Feli ist das einzige, was mir von ihr blieb, aber inzwischen bin ich darüber hinweg." Robert zwinkerte Erika und Feli zu und stellte das Tablett ab.
"Kommen Sie!" Er wies einladend auf dem Stuhl am Esstisch. Erika stand auf und setze sich zu ihm. Beide unterhielten sich sehr angeregt und merkten gar nicht wie schnell die Zeit verging. Als es im Zimmer immer dunkler wurde, schaute Erika auf die Uhr und bekam einen Schreck. Seit drei Stunden saß sie hier mit diesem fremden Mann und plauderte.

Erika sprang auf und sagte: "Schauen Sie nur wie spät es schon ist! Ich hab doch glatt die Zeit vergessen, bestimmt haben Sie noch mehr zu tun als mit mir den ganzen Abend herumzusitzen und zu plaudern." Eilig wollte sie sich verabschieden, aber das Kätzchen fing an zu maunzen und warf sich Erika vor die Füße.

Robert lächelte und dann sagte er:
"Sehen Sie, meiner Feli geht es so wie mir. Die möchte Sie auch nicht wieder gehen lassen. Was halten Sie davon wenn wir uns einfach Duzen?" Robert war auf sie zugegangen und stand jetzt ganz dicht vor ihr, zog Erika in seine Arme und seine Lippen berührten ganz sanft Erikas Mund.
Beider Münder pressten sich aufeinander. Als die Zungenspitzen sich das erste Mal berührten war es wie ein Stromschlag. Ein schaudern lief durch ihre Körper und kurze Zeit später standen sie in Flammen. Ganz außer Atem ließen die zwei von einander ab und Robert sagte: "Wie heißt du eigentlich, meine Schönheit?"
"Erika", kam es kaum vernehmbar von ihr. Noch immer außer Atem lehnte sie sich an Robert und fühlte sich gut dabei.
"Erika? Der Name passt zu dir! Du bist wie ein Blume, die ich nach langer Winterszeit am Wegrand finde und die den Frühling in mein Herz zurück bringt. Ich möchte dich in meinen Garten pflanzen und dir alle Aufmerksamkeit schenken, damit du lange blühst." Wieder verschlossen seine Lippen Erikas Mund.

Erika war hin und her gerissen. Sie wollte sich in seine starken Arme kuscheln und seinen Kuss ewig spüren, aber auf der anderen Seite hatte sie Angst - Angst, sie würde wieder einmal verletzt werden. Also flüsterte sie nach langer Zeit flehend:
"Bitte, das geht mir zu schnell!"
Robert ließ sie los und schaute sie an. Als Erika in seinen Augen Trauer sah, küsste sie Robert sanft auf die Wangen.
"Weißt du, ich mag es von dir geküsst zu werden. Du küsst sehr gut! Aber, wir sollten uns Zeit lassen, damit wir dies alles, was mit uns passiert, auch genießen können." Übermütig kniff sie Robert in den Po. Sei kurzer erschreckter Aufschrei brachte beide zum Lachen und die kleine Irritation war vergessen.
"Du hast recht", sagte Robert "manchmal ist es viel prickelnder wenn man sich Zeit lässt. Außerdem ist das natürlich ein Ansporn für mich." Er zog Erika noch einmal fest in seine Arme und streichelte sie.
"Sehen wir uns Morgen?"
"Wenn du mich wieder zum Kaffee einlädst?", grinst Erika ihn an, bevor sie seine Wohnungstür hinter sich ins Schloß zog.

Kaum in ihrer Wohnung angekommen, schaute sie durch den Spion, weil sie gehört hatte, wie Robert seine Tür wieder öffnete. Sie sah ihn Fassungslos in seiner Tür stehen. Dann begann er zu grinsen, wand sich ab und schloß ebenfalls seine Tür.

Als Erika an diesem Abend im Bett lag, freute sie sich sehr. So ein tolles Geburtstagsgeschenk hatte sie schon seit Jahren nicht mehr bekommen.
© catsoul / 22.01.2006